Der springende Punkt

Gedanken über Mensch, Organisation und Zukunft.

It’s never enough.

 

Warum wir niemals genug sein werden, solange wir etwas brauchen, um jemand zu sein.

 

„Damit ich nicht ersetzbar bin. Damit ich gebraucht werde.“ Diesen Satz sagte kürzlich eine Führungskraft im Coaching, als wir über die vielen Zusatzaufgaben auf ihrem Tisch sprachen.

 

Er hat mich berührt und zum nachdenken gebracht. Nicht wegen der Aufgaben, sondern die eigentliche Frage, die sich dahinter verbirgt:

Was brauche ich, um mich wertvoll zu fühlen?

 

Eine Position? Anerkennung? Erfolg? Oder einfach nur das Gefühl, gebraucht zu werden?

 

Und was passiert eigentlich, wenn dies wegfällt?

 

Ich glaube, dass wir uns diese Fragen viel häufiger stellen sollten. Denn für mich  liegt eines unserer größten Missverständnisse darin, dass wir glauben, erst etwas werden, erreichen oder besitzen zu müssen, um jemand zu sein. Schade eigentlich...

 

Wir brauchen den nächsten Titel. Den nächsten Erfolg. Die nächste Bestätigung.

Und wenn wir dort angekommen sind? Dann wartet bereits das nächste Ziel.

 

It’s never enough. Es ist nie genug.

 

Nicht - weil wir zu wenig haben. Sondern weil wir versuchen, mit dem, was wir haben, eine Frage zu beantworten, die auf einer ganz anderen Ebene liegt.

Nämlich: Wer bin ich, wenn all das wegfällt?

 

1. Ich bin. Und ich habe.

Meiner Meinung nach sollten wir zwei Sätze viel häufiger voneinander unterscheiden.

 

Ich bin. Und: Ich habe.

 

Ich habe einen Beruf. Ich habe einen Titel. Ich habe Verantwortung. Ich habe Erfolg. Ich habe Anerkennung.

Dies kann alles Teil meines Lebens sein... Es kann mich prägen, mir Freude bereiten und mir Möglichkeiten eröffnen.

 

Aber ist das das, was mich als Menschen ausmacht?

Was bleibt von mir, wenn ich meinen Titel verliere? Wer bin ich, wenn meine Leistung gerade nicht gebraucht wird? Was macht mich aus, wenn niemand meine Kompetenz benötigt? Wer bin ich - wenn keiner hinschaut?

 

Diese Fragen sind unbequem. Denn sie führen uns weg von dem, was wir vorweisen können, hin zu dem, was wir sind. Wir können viel erreicht haben und trotzdem das Gefühl haben, noch nicht genug zu sein. Wir können Anerkennung bekommen und dennoch ständig nach der nächsten Bestätigung suchen.

 

Dies ist kein Widerspruch - es zeigt, dass äußerer Erfolg und innerer Selbstwert eben nicht dasselbe sind. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Wir verwechseln das, was wir erreicht haben, mit dem, was wir wert sind.

Dabei kann sich das eine verändern, ohne dass das andere zwangsläufig infrage gestellt werden müsste.

Was ich habe, kann sich verändern. Was ich bin, lässt sich nicht auf eine Liste meiner Erfolge reduzieren.

 

2. „Ich bin Führungskraft.“ Wirklich?

Was macht ein Titel mit unserer Identität? Nehmen wir den Satz: "Ich bin Führungskraft."

 

Das klingt selbstverständlich. Schließlich beschreibt er eine berufliche Rolle. Doch wie oft verschmelzen wir mit dem, was wir tun? Aus einer Funktion wird eine Identität. Aus einer Verantwortung wird eine Aussage über unser Wesen.

 

Aus „ich trage Führungsverantwortung“ wird „ich bin Führungskraft“.

Der Unterschied mag klein erscheinen. Aber er eröffnet eine wichtige Frage:

Bin ich Führungskraft, weil ich eine bestimmte Position innehabe? Oder bin ich ein Mensch, der Führungsverantwortung übernimmt?

 

Die zweite Formulierung schafft gedanklich Abstand zwischen der Person und ihrer Rolle. Denn eine Position kann enden. Verantwortung kann sich verändern, ein Titel kann dazu kommen und auch wegfallen.

 

Damit verschwindet jedoch nicht automatisch alles, was diesen Menschen ausmacht: seine Haltung, seine Erfahrungen, seine Fähigkeiten, seine Werte und seine Persönlichkeit.

Schwierig wird es dann, wenn wir unsere Rolle mit unserem gesamten Selbst gleichsetzen. Wenn wir nicht mehr nur eine Führungsrolle ausfüllen, sondern glauben, ohne diese Rolle nicht mehr dieselbe Person zu sein.

 

Dann kann der Verlust einer Position zu einer existenziellen Frage werden.

Nicht mehr: Was mache ich künftig? Sondern: Wer bin ich überhaupt noch?

 

Deshalb sollten wir genauer darauf achten, wie wir über uns selbst denken und sprechen. Nicht, um jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Sondern um zu erkennen, wo wir unsere Person mit einer Funktion verwechseln.

 

Denn wenn ich meine Identität an eine Rolle knüpfe, wird es schwierig, diese Rolle loszulassen. Selbst dann, wenn sie mir längst nicht mehr entspricht.

 

Denn oft halten wir an Aufgaben, Positionen oder Verantwortlichkeiten fest, die wir eigentlich gar nicht mehr tragen möchten. Nicht, weil wir sie brauchen, sondern weil wir glauben, uns selbst ohne sie zu verlieren.

 

3. Wenn wir etwas brauchen, um jemand zu sein

Ich kenne diesen Mechanismus selbst aus meiner eigenen Erfahrung. Während der Corona-Zeit durfte ich meine Arbeit als Coach und Beraterin zeitweise nicht ausüben. Meine Tätigkeit galt unter den damaligen Rahmenbedingungen nicht als systemrelevant.

 

Sachlich betrachtet war dies eine Einordnung. Bei mir kam jedoch etwas ganz anderes an: Nicht wichtig - also unnötig.

 

Das war nicht die offizielle Aussage. Es war die Bedeutung, die ich persönlich damit verband... Rückblickend beschäftigt mich daran vor allem eine Frage: Warum konnte eine äußere Einordnung so viel über mein Gefühl vermitteln, wichtig zu sein?

 

Meine Arbeit war mir wichtig. Sie entsprach meinen Fähigkeiten und Überzeugungen. Ich konnte Menschen begleiten und etwas bewirken. Und plötzlich durfte ich sie nicht mehr ausüben.

 

Die äußere Situation veränderte sich. Doch in meiner Interpretation ging es um mehr als meine berufliche Tätigkeit. Es ging um meine Bedeutung. Und genau darin liegt für mich eine wichtige Unterscheidung...

 

Ich darf meine Arbeit lieben. Ich darf stolz auf meine Fähigkeiten sein. Ich darf mich darüber freuen, gebraucht zu werden. Wenn ich diese Dinge jedoch brauche, um mich selbst als wertvoll zu erleben, mache ich meinen Selbstwert von etwas abhängig, das sich verändern kann. Dann reicht der Erfolg von gestern heute möglicherweise nicht mehr aus. Dann brauche ich neue Anerkennung, eine neue Aufgabe, eine neue Bestätigung. Und irgendwann stellt sich die Frage:

Wann bin ich endlich genug?

 

Meine Antwort für mich: Solange ich glaube, erst etwas erreichen oder besitzen zu müssen, um jemand zu sein, werde ich immer etwas Neues brauchen. 

Nicht, weil mit mir etwas nicht stimmt. Sondern weil ich versuche, meinen Wert durch etwas zu sichern, das sich niemals vollständig sichern lässt.

 

4. It’s never enough.

Ein Titel kann uns Anerkennung geben. Er kann Türen öffnen, Verantwortung sichtbar machen und unsere berufliche Entwicklung widerspiegeln.

 

Er kann uns aber nicht dauerhaft die Gewissheit geben, als Mensch genug zu sein. Dasselbe gilt für Erfolg. Wir erreichen ein Ziel und freuen uns. Wir haben etwas geschafft, worauf wir lange hingearbeitet haben. Doch nach einiger Zeit gewöhnen wir uns daran (Stichwort extrinsische Motivation).

 

Was gestern noch besonders war, ist heute selbstverständlich. Und schon richten wir unseren Blick auf das nächste Ziel.

Mehr Verantwortung.
Mehr Anerkennung.
Mehr Einfluss.
Mehr Erfolg.

 

Das Streben nach Entwicklung ist nicht das Problem. Es kann uns antreiben, neugierig halten und über uns hinauswachsen lassen. Die entscheidende Frage ist, was wir von unserem nächsten Erfolg erwarten.

 

Möchten wir etwas gestalten, weil es uns wichtig ist? Oder hoffen wir insgeheim, dass wir uns danach endlich sicherer, bedeutender oder wertvoller fühlen? Das sind zwei unterschiedliche Ausgangspunkte.

 

Im ersten Fall ist Erfolg etwas, das wir erleben und gestalten möchten. Im zweiten Fall soll er etwas in uns ausgleichen. Und genau dort beginnt die Spirale. Denn wenn die erhoffte innere Sicherheit nicht dauerhaft eintritt, suchen wir weiter. Der nächste Erfolg soll liefern, was der letzte nicht geschafft hat.

It’s never enough.

 

5. Was bedeutet das für unseren Selbstwert?

Ich glaube nicht, dass wir unseren Selbstwert einfach beschließen können. Ein Satz wie „ich bin genug“ löst nicht automatisch die Zweifel auf, die wir über Jahre entwickelt haben. Wir können jedoch anfangen, unsere bisherigen Schlussfolgerungen zu hinterfragen.

 

Bin ich weniger wert, wenn ich einen Fehler mache? Bin ich weniger wichtig, wenn mich gerade niemand braucht? Bin ich weniger erfolgreich, wenn ich eine Pause einlege? Und bin ich weniger ich selbst, wenn eine Rolle endet?

 

Vielleicht haben wir nur gelernt, dass wir Anerkennung bekommen, wenn wir etwas leisten? Dass wir nur dazugehören, wenn wir uns anpassen? Dass wir wichtig sind, wenn andere uns brauchen?

 

Solche Erfahrungen können uns prägen. Und - sie können dazu führen, dass wir immer wieder nach außen schauen, um herauszufinden, ob wir genügen. Doch Anerkennung ist keine verlässliche Antwort auf die Frage nach unserem Wert. Sie hängt auch von Erwartungen, Situationen und Menschen ab, die wir nicht kontrollieren können.

 

Dies bedeutet nicht, dass Anerkennung unwichtig ist. Wir brauchen Beziehungen, Resonanz und das Gefühl, etwas bewirken zu können. Jedoch sollten wir zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden - und der Überzeugung, ohne dieses Gesehenwerden nichts wert zu sein, unterscheiden.

 

Selbstwert bedeutet für mich nicht, mich für perfekt zu halten. Sondern mich nicht auf das zu reduzieren, was ich leiste, besitze oder erreiche.

 

Ich kann wachsen, ohne mich ständig beweisen zu müssen. Ich kann Verantwortung übernehmen, ohne meine Bedeutung an sie zu knüpfen. Ich kann erfolgreich sein, ohne Erfolg als Beweis meines Wertes zu benötigen.

Und - ich kann etwas verlieren, ohne mich selbst zu verlieren.

 

Das ist keine Aufforderung, sich zurückzulehnen und nichts mehr zu wollen. Es ist die Einladung, genauer hinzuschauen: Wer bin ich wirklich (wenn alle meine Rollen gar nicht exitieren)? Was ist der Kern? Und - was treibt mich wirklich an? 

 

 

Und genau dann, wenn wir uns diese Fragen beantworten können, merken wir: Dass genug kein Ziel ist, welches wir erreichen. Sondern der Ort, an dem wir aufhören, unseren Wert zu beweisen.